Musik ist für mich mehr als Nebengeräusch. Sie ist Handwerk, Klangbastelei und ein bisschen Lebensgefühl. Ein Streifzug durch die Jahrzehnte.
Früher war alles anders! Besser? Nicht wirklich. Radio RTL - Die blaue Stunde auf Kurzwelle und die Topcharts von der Insel. So begann eine Leidenschaft.
Die Stones hatten weniger Falten, die Beatles sich schon lange getrennt. Ich - 5 Jahre. Im Fernsehen lief Dieter Thomas Heck mit seiner ZDF-Hitparade, damals noch ohne dieses Farbfernsehen. Aus heutiger Sicht war ich in meiner audiophilen Findungsphase. Eigentlich war es egal ob Lena Valaitis, BB King oder Deep Purple. Hauptsache nicht Heintje!
Das Equipment bestand aus einem Reiseplattenspieler mit Lautsprecher und einem Grundig Kassettenrecorder, mit dem ich über das eingebaute Mikrofon versuchte, Radioaufnahmen mitzuschneiden.
1980 kaufte ich meine erste neue Schallplatte. Ich tauschte einen Gutschein gegen die Scheibe Dr. Hook: Sometimes you Win.
In der 5. Klasse lernten wir im Musikunterricht die moderne U-Musik kennen. Die Platte der Stones und besonders das Lied „It´s only Rock ´n Roll…“ war ein Paukenschlag! Ich begann über Woodstock zu lesen, hörte Queen, Purple und so einen Typ namens Ozzy Osbourne. Doch besonders hat es mir das Gitarrenspiel von Alvin Lee angetan, dem Frontmann von Ten Years After.
Kann man das lernen? Wie lange? Was brauche ich?
Zuerst begann meine schnell erzählte Musiker-Karriere am Schlagzeug. Die Schulband formierte sich und ich wählte das Draufhauding. Einige Monate später verabschiedete sich (schmollend) unser Gitarren-Hero, samt Instrument. Es war ja seine Klampfe. Unser Musiklehrer hatte zwar eine super E-Gitarre, aber er war Linkshänder - wie ich. So erbte ich die Position an den Saiten. Zumindest grundlegend bin ich dem Instrument bis heute treu geblieben.
Mitte der 80er reichte mir das Zuhören allein nicht mehr. Wenn schon Musik, dann richtig. Also las ich alles, was ich über das Pimpen von audiophiler Hardware in die Finger bekam. Und weil ein Verstärker nur so gut klingt wie das, was am Ende der Kabel hängt, landete ich zwangsläufig beim Lautsprecherbau.
Brave Kompaktboxen? Langweilig. Bei mir entstanden Hörner, Transmission-Line-Bassrutschen und meine ganz besonderen Lieblinge: Raumklang-Lautsprecher.
Es dauerte nicht lange, bis Freunde und Familie fragten: „Baust du mir auch so eins?“ Klar doch. Mein Keller wurde zur Boxenmanufaktur, und die Wohnzimmer im Bekanntenkreis zu meinen Versuchslaboren.
Ende der 80er füllte sich mein Bankkonto monatlich um ein spärliches Lehrlingsgehalt. Nur um wenige Tage später wieder durch völlige Ebbe zu glänzen. Nach langer Probier- und Testphase hatte ich mir ein Buch über Edel-HiFi Geräte gekauft, um mir endlich gescheite Boxen zu bauen. Mithilfe eines Freundes und Fachmanns auf diesem Gebiet kloppte ich mir meine ersten Lautsprecherboxen zusammen. Die nächsten Sommer durfte ich in den Ferien etwas Geld verdienen und legte es gleich in HiFi-Geräte oder Gitarren an. Beides war die beste Währung, die ich mir vorstellen konnte.
Meine erste ernst zu nehmende Gitarre war eine VANTAGE VP700 von 1979. Sie war einigermaßen spiegelgleich und daher einfach auf links zu stricken. Dazu passte meiner Meinung nach ein VOX AC30. Zum Glück bekam ich von meinem Gitarrendealer einen Tipp, wo ich einen AC30 für 500 DM kaufen könnte. Und schon wieder war ich blank, aber glücklich.
Das ewige Sustain der Gitarre mit der weichen warmen Verzerrung des Verstärkers waren zwar in der Heavy- und Rock-Szene wenig bekannt, aber sie prägten meinen Sound und mein Spiel. Ein bisschen wärmer als bei den Yardbirds, aber klarer als BB Kings Lucille. Irgendwann musste unbedingt ein ziemlich abgerocktes Cry Baby Wah-Wah her. Nachdem das Poti getauscht und die Kabel nachgelötet waren, verrichtete das Teil zwar seinen Dienst, doch der Sound gefiel mir nicht sonderlich. Im Grunde war ich nicht so der Equipment-Junkie.
1985 hörte ich von einem Fest in England – Live Aid. Alle Größen der Musikgeschichte sollten auftreten. Mehrere Tage Party – und die Beatles spielen wieder zusammen? Das zu erleben war Pflicht. Ich packte das Allerobernötigste und fuhr per D-Zug Richtung Britannien. Die nächsten Tage könnten ein Buch füllen. Es war die geilste Hölle aller Zeiten.
Wieder zu Hause angekommen, stand fest: Wir werden Profimusiker. In Ludwigshafen, dank Herrn Dr. Kohl, startete zu dieser Zeit das erste Kabelfernsehprojekt im alten Schlachthof. Die „Studios“ waren recht provisorisch eingerichtet, aber es war der Wille da, etwas zu schaffen. Dazu sollte eine Studioband gegründet werden. Unsere Chance! Das Vorspielen war ernüchternd. Wir waren zu jung, zu heavy, zu schlecht, zu unprofessionell. Warum hat uns keiner gesagt, dass Musiker ein echt harter Beruf ist? Dann doch wieder zurück in den Proberaum und irgendwie anders berühmt und reich werden; wir gaben uns den Namen SilverSurfer. Heute würde man unsere Musik eventuell Dark-Rock nennen.
Dark-Rock war kein Zufall. Die End-80er waren meine schwarze Phase. Dark and Gothic war mein Weg. Musikalisch sowie auch modisch. Darf man das überhaupt „modisch“ nennen? Schwarz war jedenfalls keine Farbe, sondern eine Haltung.
The Sisters of Mercy: großes Kino. Red Lorry Yellow Lorry: Bäng! Volle Schlagzeug-Breite. Und natürlich die Meister des okkulten Zeugs, Fields of the Nephilim. Später kamen auch gerne Goethes Erben dazu. Lacrimosa war mir zu arg und The Cure zu Mainstream.
Der Schlagzeuger in mir hörte bei Red Lorry Yellow Lorry ganz genau hin, der Gitarrist bei den Sisters. Und der Boxenbauer? Der freute sich, wenn die Nephilim-Platten seine Bassrutschen ordentlich ins Schwitzen brachten.
Ganz unbedarft ging ich an die Sache nicht heran. Am Ende meiner Schulzeit, bevor ich den schnöden Beruf des Elektroinstallateurs wählte, durfte ich ein vierwöchiges Praktikum beim Mannheimer Holz-Instrumentenbauer Franke machen. Vier Wochen Hobelspäne, Leimgeruch und staunende Augen. Dort lernte ich grundlegend: Eine Gitarre ist nicht nur ein Stück Holz. Holzart, Maserung, Trocknung, Verleimung - alles klingt mit.
Mein Anspruch an mein Instrument änderte sich. Die Vantage war mir zu lieblich geworden, eine Strato zu Mainstream. Nach einigen Stunden Ausprobieren sagte Till, Händler des Musicant in Mannheim:
„Bau das Teil doch selbst. Da gibt es Bausätze, die du einfach anpassen kannst.“
Keine Ahnung, woher das Ding kam, aber es war ein ordentliches Stück Holz, grob in Gitarrenform, mit Hals und allen E-Teilen. Im gut ausgebauten Handwerker-Keller machte ich mich ans Werk. An diesem Stück lernte ich im Selbstversuch, was es für ein halbwegs gutes elektrisches Saiteninstrument braucht. Nach einigen Änderungen an den Tonabnehmern war ich eigentlich recht zufrieden.
Die nächste sollte dann aber komplett Eigenbau werden. Dazu bekam ich ein Stück Mahagoni aus dem Bootsbau, besorgte mir einen durchgehenden Hals, verleimte die Teile und schnitt an der Bandsäge die Form des Korpus aus. Dieses Mal verzichtete ich auf eine Lackierung und merkte, wie sich das auf den Klang auswirkte. Herr Franke hätte vermutlich zufrieden genickt.
1991 begann ich mit dem Studium der Elektrotechnik in Frankfurt und hatte dadurch weniger Zeit zum Spielen. Da mein Freundeskreis aus 2/3 Vollblutmusikern bestand, war ich dem Thema nie fern.
1992 bekam ich meinen ersten Akustik-Lehrgang. Endlich gab es für das, was ich jahrelang im Keller nach Gehör und Bauchgefühl zusammengezimmert hatte, Formeln, Kurven und Theorie. Volumen, Abstimmung, Resonanzen - plötzlich ließ sich berechnen, was vorher Versuch und Irrtum war. Die Gehäuse konstruierte ich ab sofort am Atari. Zeichenbrett und Taschenrechner bekamen Konkurrenz.
So wurde ein Teil meiner Studienarbeit der Bau einer Raumklang-Lautsprechereinheit. Das Prinzip aus den 80ern, diesmal sauber berechnet und vermessen. Und das lange bevor Surround in jedem Wohnzimmer stand. Mehr zum Thema gibt es unter Lautsprecher.
1992 sah ich bei Addie in Frankfurt einen wunderschönen WAL-Bass. Plötzlich öffnete sich eine Tür in eine andere Dimension. Marcus Miller, Billy Sheehan, Victor Wooten, Stanley Clarke, Eberhard Weber, Jaco Pastorius und soooo viele mehr. Einige spielten Rock, andere Blues, aber richtig cool fand ich den Bass im Jazz.
Mein WAL musste mehr nach Jaco klingen. Also weg mit den Frets. Der Klang war plötzlich mehrdimensional, aber nicht so fett wie ich ihn wollte. Mittlerweile liebte ich die CDs von Eberhard Weber und dem Michael Naura Quartett. Ich brauchte mal wieder ein neues Equipment.
Zuerst kümmerte ich mich um das Instrument. Ich rief meinen Saiten-Guru Till an und schilderte mein Leiden. Nach einem Gespräch und einigen Tassen Kaffee setzte ich mich ans Zeichenbrett und konstruierte meinen Bass. Till übernahm