In diesem Teil wenden wir die theoretischen Grundsätze der Forensik auf reale Szenarien an und stellen konkrete Schritt-für-Schritt-Anleitungen für die gängigsten Werkzeuge bereit.

Nützliche Ressource: Umfassende Forensische Toolsammlung (GitHub)

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Praxis-Szenarien (Fallbeispiele)

Fallbeispiel 1: Der Post-Mortem Klassiker (Windows)

Szenario: Ein Windows-Client in der Buchhaltung verhält sich verdächtig. Der PC wurde physisch vom Netzwerk getrennt. Die Festplatte wurde ausgebaut und an das forensische Labor übergeben.

  1. Asservierung & Schreibschutz: Der Forensiker dokumentiert Seriennummern und Zustand (Chain of Custody). Die Platte wird über einen Hardware Write-Blocker angeschlossen, um Datenveränderungen physikalisch zu unterbinden.
  2. Imaging: Mit dem FTK Imager wird eine bit-genaue Kopie im E01-Format erstellt. Das Original wandert danach sicher in den Tresor.
  3. Die Analyse (Der Fund): Das Image wird in Autopsy geladen. Bei der Auswertung fällt auf: Der Ordner Downloads ist scheinbar leer. Der PhotoRec Carver bringt jedoch aus dem unallocated space eine gelöschte Datei namens ``invoice_2026.pdf.exe`` zum Vorschein. Der Abgleich der Zeitstempel beweist: Diese Ransomware wurde exakt 3 Minuten vor der Verschlüsselung der Benutzerdateien aus einer Phishing-Mail ausgeführt.

Fallbeispiel 2: Enterprise Incident (RHEL 7)

Szenario: Auf einem RHEL 7 Server läuft eine Webanwendung (Nginx). Der Server ist ans Active Directory angebunden. Ein Angreifer hat ein AD-Konto kompromittiert und sich SSH-Zugriff verschafft. Der Vorfall wird entdeckt, während der Server noch läuft.

  1. Live-Analyse (vor dem Shutdown): Der Admin nutzt das ``/proc``-Verzeichnis, um flüchtige Daten im RAM zu sichern. Er findet einen verdächtigen Prozess:
# Prüfung des Binaries des Prozesses PID 8892:
ls -l /proc/8892/exe
# Ausgabe: lrwxrwxrwx 1 root root 0 Aug 8 22:15 /proc/8892/exe -> /tmp/.hidden/rshell (deleted)
 
# Sichern der gelöschten Malware direkt aus dem RAM auf einen forensischen USB-Stick:
cp /proc/8892/exe /mnt/forensic_usb/rshell_dump.bin
sha256sum /mnt/forensic_usb/rshell_dump.bin > /mnt/forensic_usb/rshell_dump.sha256
  1. Log-Analyse: Die Auswertung von ``/var/log/secure`` zeigt den SSH-Login des AD-Users. ``/var/log/nginx/access.log`` bestätigt, dass die Webanwendung nicht gehackt wurde (Passwort stammte z.B. aus Phishing). Die gelöschte ``.bash_history`` umgeht der Forensiker durch die Auswertung des auditd-Logs (``/var/log/audit/audit.log``), welches den Download der Reverse-Shell auf Kernelsebene dokumentiert.

Forensik-Playbook: Imaging

Imaging mit FTK-Imager unter Windows

Der FTK Imager von AccessData ist ein Standardwerkzeug. Er dient primär dazu, eine bit-genaue, forensisch saubere Kopie (Image) eines Datenträgers zu erstellen.

1. Vorbereitung (Forensische Grundsätze)

2. Die Image-Erstellung (Schritt-für-Schritt)

  1. Quelle wählen: File → Create Disk Image. Wählen Sie als Source Type Physical Drive (Sichert MBR und unpartitionierte Bereiche. Logical Drive würde nur Partitionen wie C: sichern).
  2. Image-Typ: E01 (EnCase Evidence File) wird empfohlen. Es komprimiert, splittet in Segmente und bettet Metadaten sowie Hashwerte manipulationssicher ein. (Alternativen: Raw/dd oder AFF).
  3. Beweismittel-Infos: Case Number, Evidence Number (Asservat), Unique Description und Examiner ausfüllen.
  4. Start & Verify: Zielordner wählen. WICHTIG: Option „Verify images after they are created“ aktivieren! Danach auf „Start“ klicken.

3. Erkenntnisse aus dem Prozess


Forensisches Imaging mit Guymager (Linux)

Guymager ist ein grafisches Werkzeug (z.B. in Kali Linux), das forensische Prinzipien strikt einhält.

1. Schritt-für-Schritt

  1. Laufwerk wählen: Guymager mit ``sudo guymager`` starten. Quell-Laufwerk identifizieren (z.B. ``/dev/sdb``), Rechtsklick → Acquire image.
  2. Format: „Expert Witness Compression Format (EWF/E01)“ wählen. Split image files auf z.B. 2048 MiB setzen.
  3. Hash-Verifizierung: Unter „Hash calculation“ MD5 und SHA256 aktivieren. Die Option „Verify image after acquisition“ ist zwingend erforderlich.
  4. Metadaten: Fallnummer, Asservat und Examiner ausfüllen. Prozess starten.

2. Das Ergebnis (Die .info Datei)

Guymager erstellt neben den Image-Dateien (``.E01``, ``.E02``) eine .info-Datei. Diese Textdatei ist essentiell für die Chain of Custody und enthält:


Anleitung: Forensisches Imaging mit dd

WARNUNG: ``dd`` ist extrem mächtig. Ein Vertauschen von Quelle (if) und Ziel (of) zerstört das Original-Beweismittel unwiderruflich! Nutzung auf eigene Gefahr.

1. Identifikation & Pre-Hashing

# 1. Gerätedateien exakt identifizieren
lsblk -o NAME,SIZE,MODEL,SERIAL
 
# 2. Hashwert des Originals berechnen (Referenzwert dokumentieren!)
sudo sha256sum /dev/sdb

2. Imaging & Post-Hashing

Die Optionen ``noerror`` (ignoriert Lesefehler) und ``sync`` (füllt Lücken mit Null-Bytes, um Offsets zu wahren) sind forensisch Pflicht!

# 3. Imaging starten (mit pv für eine Fortschrittsanzeige)
sudo dd if=/dev/sdb bs=4M conv=noerror,sync | pv | sudo dd of=/mnt/forensic_drive/image.dd
 
# 4. Hashwert der Kopie berechnen und mit dem Referenzwert vergleichen
sha256sum /mnt/forensic_drive/image.dd

Stimmen beide Hashes überein, haben Sie ein forensisch korrektes RAW-Image.

Forensik-Playbook: Analyse

Forensische Analyse mit Autopsy

Autopsy bietet eine GUI für die Tools des Sleuth Kit (TSK). Präsentation: Autopsy Digital Forensics Tool (SlideShare)

1. Fallanlage und Datenquelle

  1. New Case: Fallnamen (z.B. Fall-001) und Basis-Verzeichnis für Metadaten anlegen.
  2. Data Source: Das E01-Image auswählen und die korrekte Zeitzone des Zielsystems einstellen.
  3. Ingest Modules: Aktivieren Sie die Analyse-Roboter:
    • Recent Activity (Bash-History, Logs)
    • Hash Lookup (Gleicht Hashes mit NSRL oder Malware-Datenbanken ab)
    • PhotoRec Carver (Wichtig: Stellt gelöschte Dateien aus dem unallocated space wieder her!)

2. Die Analyse (Tipps für Linux)

3. Tagging und Berichterstellung

Rechtsklicken Sie auf Funde und wählen Sie „Tag and Comment“ (z.B. als „Beweisstück“). Über „Generate Report“ (HTML/PDF) erstellt Autopsy am Ende automatisch ein Gutachten mit allen getaggten Dateien, deren Hashes und Ihren Kommentaren.


Weitere hilfreiche Tools

Windows Defender / Event Logs Der Defender ist ein Schutzmechanismus, aber seine Logs (Microsoft-Windows-Windows Defender/Operational) sind Gold wert, um den exakten „Point of Entry“ (Ersterkennung einer Malware) zu rekonstruieren.

NirLauncher Eine Sammlung von >200 portablen Tools von NirSoft. Perfekt für Live-Systeme oder gemountete Images, um extrem schnell Browser-Historien, Passwörter oder USB-Verbindungsverläufe auszulesen.

Verwendung von KI-Tools KI dient Forensikern zunehmend als „Trüffelschwein“: Sie erkennt Anomalien in riesigen PCAP-Netzwerkmitschnitten, clustert Logfiles oder hilft beim De-obfuskieren (Entschlüsseln) verschleierter Skripte. Aber: Die Ergebnisse sind eine Black-Box und vor Gericht nicht gerichtsverwertbar. Die Beweisführung muss am Ende durch den Forensiker manuell und reproduzierbar (z.B. via Autopsy) nachgewiesen werden.


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