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Prämierter Erfahrungsbericht: Tatra603 der tschechische Riese mit V8-Motor

Erfahrungsbericht von DerFetteZwerg über Tatra 603 T 2 Limousine 17. März 2004

Produktbewertung des Autors:

  • Zuverlässigkeit: ausgezeichnet
  • Fahreigenschaften: gut
  • Pro: faszinierend, selten, majestätische Erscheinung
  • Kontra: fordert Einfühlungsvermögen, ist nicht einfach zu bekommen

Empfehlenswert? ja

Kompletter Erfahrungsbericht
Daß ich mich bevorzugt mit altem Blech beschäftige, - zwei- oder vierrädrig, ist jedem klar, der meine bisherigen Berichte gelesen hat. Es macht mir nicht nur verteufelt viel Spaß, mich bis über beide Ellenbogen in ölverschmierte Triebwerke zu versenken, um ihre Wehwehchen zu kurieren, (nicht allzu viele meiner Bekannten bringen dafür Verständnis auf…..) sondern auch – und das versteht wiederum fast jeder, - mit den Ergebnissen solcher Wiederbelebungsversuche herumzufahren.

Ein Fahrzeug, welches dabei immer besondere Aufmerksamkeit erregt, ist mein Tatra 603. Abgesehen davon, daß es ungeheuer Spaß macht, dieses Auto zu bewegen, ist es auch immer wieder interessant, die Kommentare zu hören, die die Umwelt parat hat, wenn der Tatra irgendwo geparkt wird…:-)

Hier möchte ich ein wenig Licht in das Dunkel bringen, welches dieses seltene Fahrzeug umgibt, - und vielleicht teilt sich dem Einen oder Anderen ein bisschen von der Faszination mit, die der tschechische Riese für seinen Fahrer bereithält. Zunächst etwas zur Geschichte: Das tschechische Tatra-Werk in Koprivnice ist den meisten heutzutage nur als Hersteller von Schwerlastwagen bekannt, - wenn überhaupt. Die dort konstruierten LKWs sind technisch sehr robuste, ausdauernde Arbeitstiere, - nicht unbedingt mit dem Komfort versehen, den man von westlichen Fahrzeugen gewohnt ist, aber qualitätsmäßig über jeden Zweifel erhaben. Nicht umsonst sind die großen Tatra regelmäßig für vordere Platzierungen gut, wenn es um Wettbewerbe im Gelände geht, oder um Rallyes durch die unwirtlichsten Gegenden des Planeten.

Was viele jedoch nicht wissen: Tatra hat bis vor ein paar Jahren auch Automobile der Oberklasse hergestellt. Leider wurde die Automobilproduktion vor kurzem eingestellt. Früher war Tatra der designierte Lieferant für Räpresentationslimousinen und Fahrzeuge für den Staatsdienst. Solch ein Auto ist auch der Tatra603

Der Tatra603 Man sieht dem großen Tatra sofort an, daß sein Konstrukteur, Hans Ledwinka, auf Aerodynamik besonderes Augenmerk gelegt hatte.

Die Form des Tatra603 erinnert an einen Torpedo, alle Kanten sind abgerundet, und die Aussenlinien sind fließend. Hinten läuft die Form in zwei kleinen Heckflossen aus, oberhalb der mächtigen seitlichen Kiemen, die die Beatmung des großen Heckmotors sicherstellen. Besonders markant sind außerdem die 4 Hauptscheinwerfer vorne, die recht weit innen sitzen, dazu die zwei Nebellampen ganz aussen auf der dicken vorderen Stoßstange, und die dominante geteilte Heckscheibe. Die Aussenlänge beträgt über 5 Meter, damit gehört der Wagen zu den großen Fahrzeugen im Straßenbild, - Normgaragen sind für die Unterbringung eines Tatra nur bedingt geeignet ! :-) Das Fahrzeug rollt auf mächtigen Reifen der Dimension 185×15 , - nicht besonders breit, aber mit großem Abrollumfang, - für Komfort und Bequemlichkeit der – meist hochgestellten – Insassen. Motorisiert ist der große Tatra ebenfalls höchst ungewöhnlich, - mit einem 2,5 Ltr großen V-8 – Heckmotor, der über zwei mächtige Axialgebläse gekühlt wird. Diese werden von den bereits erwähnten seitlichen Kiemen mit Luft versorgt.

Wem das Motorengeräusch eines 911er Porsche geläufig ist, dem wird der Klang eines Tatra sofort bekannt vorkommen. Das heiser- fauchende Porsche-Geräusch stammt nämlich in erster Linie vom dort ebenfalls arbeitenden Gebläse. Da der Tatra zwei davon hat, ist unschwer vorstellbar, daß das Arbeitsgeräusch eines beherzt beschleunigten Tatra jeden Porschefahrer vor Neid erblassen lässt. Das brüllende Raubtier im Heck fordert Respekt, der Sound aus der konstruktionsbedingt kurzen 2-Rohr-Auspuffanlage tut ein Übriges, um den Eindruck zu erwecken, als wäre unter der kurzen Haube ein reinrassiger Sportmotor verborgen.

Tatsächlich jedoch ist dem Antriebsaggregat jegliche Sportlichkeit völlig fremd, - es holt aus seinem Hubraum gediegene 105 PS, die den immerhin 1,8 Tonnen schweren Koloss nicht gerade umwerfend schnell in Bewegung setzen. Seinem ehemaligen Verwendungszweck als Räpresentationslimousine entsprechend ist man mit dem Tatra sowieso eher gelassen und beherrscht unterwegs. Dafür sorgt auch der Spritverbrauch, der bei ruhiger Fahrweise um die 11 Liter pendelt (ein Beweis für die ausgewogene Aerodynamik der Karosserie) sich jedoch beinahe grenzenlos nach oben steigern lässt, wenn man das Potential der Maschine ausnützt.

Voll gefahren erreicht der große Tatra immerhin Geschwindigkeiten jenseits der 170 km/h, der V-8 entwickelt dabei allerdings derart ungehemmte Trinksitten, daß man sich dieses Vergnügen nicht allzu oft leisten möchte. Ein weiterer Grund für überlegte Fahrweise ist das Verhalten bei Nässe oder Glätte, denn ein bei Nässe hinterhältigeres Fahrzeug als den Tatra kann man sich schwerlich vorstellen!

Der Grenzbereich ist faktisch nicht vorhanden, - im ersten Moment liegt der Tatra auf nassen Straßen ruhig und sicher in der Kurve um sich im nächsten Augenblick ohne jede Vorwarnung querzustellen. Man kann sich gut vorstellen, daß ein über 5 Meter langes Fahrzeug dem Gegenverkehr nicht viel Platz mehr lässt, wenn es quer steht. Diese Eigenschaft ist derart ausgeprägt, daß im Vergleich dazu ein als Heckschleuder verschriener VW Käfer als fahrsicheres Auto zu gelten hat ! Natürlich lernt man mit der Zeit, dieses Verhalten zu erahnen, - aber ich habe anfänglich selbst in harmlosen Kurven meinen Tatra quergestellt…:-) Man sitzt dann wie in einem schlechten Film, - hilflos kurbelnd am Lenkrad und schaut zu, was das große Fahrzeug alles vernichtet, bis es endlich zum Stehen kommt.! Einfangen lässt sich das ausbrechende Heck des 603 nur in den seltensten Fällen. Gottseidank hatte ich bisher unwahrscheinliches Glück bei derartigen Showeinlagen, - und heutzutage hab' ich gelernt, damit umzugehen. Technisch erklärbar ist die Anfälligkeit bei Nässe natürlich durchaus, - es sind die üblichen Verdächtigen namens Heckmotor und Pendelachse. Dazu kommt die Aussenlänge ! Die Verbindung all dieser Einzelfaktoren, vielleicht noch gepaart mit den in den 60er Jahren üblichen Diagonalreifen sind eine geradezu 100%ige Garantie für abenteuerliches Fahrverhalten bei rutschigem Untergrund!

Auf trockener Fahrbahn ist es jedoch ein echter Genuss, das große Fahrzeug zu bewegen . Geradezu verschwenderische Innenraumdimensionen, eine vordere Sitzbank (ohne jede Seitenführung !! >grins<) , ein geschüsseltes Lenkrad in LKW-Dimension (kein Servo!!) und die Lenkradschaltung sorgen dafür, daß das Fahren mit dem großen Tatra nicht in schnöder Routine versinkt.

Überhaupt die Schaltung… Ein spindeldürres Hebelchen überträgt den Schaltbefehl über eine Vielzahl von Kugelgelenken unter dem Fahrzeugboden auf das vor der Hinterachse liegende Getriebe. Der Terminus „Exakte Schaltung“ ist hier denkbar unangebracht! Bei nur leicht verstellten oder verschlissenen Kugelgelenken ist das Auffinden der jeweiligen Fahrstufe ein reines Glücksspiel, - das in der Regel das Getriebe gewinnt!! Mit penibelst eingestelltem Gestänge, die nötige Gelassenheit und Routine vorausgesetzt, kann man im Tatra allerdings durchaus mit akzeptablen Schaltpausen die Gänge wechseln.

Dadurch wird man sozusagen zu souveräner, gelassener Fahrweise geradezu erzogen !! Im Straßenverkehr verschafft sich der Tatra ob seiner majestätischen und dennoch dynamischen Erscheinung mühelos Respekt, - selbst die Ordungshüter können sich bei Kontrollen meist einige Fragen bezüglich der Herkunft und der technischen Daten nicht verkneifen. Ein häufiger und offensichtlich unausrottbarer Irrtum bezieht sich dabei auf die Herkunft, - jeder hält den Tatra zunächst für ein Fahrzeug russischer Produktion ! .Doch die Qualität der tschechischen Limousine übertrifft russischen Fertigungsstandard bei weitem! Der gesamte technische Aufbau ist solide ausgeführt, großzügig verarbeitet, und in einigen Bereichen geradezu überdimensioniert. Die Verwandtschaft zum LKW-Bau ist nicht zu übersehen. Beispiel dafür: die Bremsanlage. Die großen Räder werden mit 4 geradezu grotesk großen Scheibenbremsen verzögert, unterstützt durch einen riesigen Bremskraftverstärker, der dabei ein Zischen von sich gibt als hätte man einen Korb mit Schlangen auf dem Rücksitz. Tritt man das Bremspedal leicht, verzögert das riesige Auto bereits durchaus respektabel. Bei einem hektischen Tritt auf’s Pedal fährt man wie gegen eine Wand. War man bei diesem Manöver nicht angeschnallt, wird man diesen Fehler danach kaum ein zweites Mal begehen!

Zweifellos sind die Bremsen für jeden Geschwindigkeitsbereich mehr als ausreichend, die das Auto zu erreichen in der Lage ist. Dieser Eindruck von unbedingter Qualität und Zuverlässigkeit setzt sich bis in die kleinsten Details fort, selbst das Türscharnier sieht aus, als könne es mühelos ein Kirchenportal tragen.

Bei richtiger Behandlung ist ein Tatra also nahezu unzerstörbar. Selbst die als sensibel verschriene Maschine krankt eigentlich nur an Defekten, die sie durch unfähige Behandlung oder mangelnder Wartung entwickelt. Natürlich ist dieses Fahrzeug nicht wartungsfrei, - bei richtiger Bedienung der zahllosen Schmier- und Servicestellen vergeht durchaus mal ein Samstagnachmittag, - das war jedoch der übliche Standard dieser Zeit, - immerhin geht das Grundkonzept des großen Tatra auf die 50er Jahre zurück. Der Motor mag keine Dauerhetzerei auf der Autobahn, - man darf nie vergessen, für welchen Einsatzzweck er konstruiert wurde. Bei ruhigen 120 km/h fühlt er sich am wohlsten, das Fahrwerk ist nicht überfordert, der Benzinverbrauch ist erträglich , und sorgt nicht dafür, daß man jeden Tankstellenpächter im Umkreis beim Vornamen kennt.

Natürlich hat ein Tatra heute trotzdem ein paar Feinde, die ihm das (Über)leben schwer machen: Erstens : der Rost! So solide und dick das Tatra-Blech auch ist, - es rostet genauso gerne wie jedes andere Blech auch. Zwar dauert es ob der Materialstärke etwas länger, - aber mittlerweile ist seit der Herstellung des 603 ja auch genug Zeit vergangen. Flickwerke an der Karosserie, von Prestolitvirtuosen beinahe unsichtbar versteckt, sind also leider an der Tagesordnung. Zweitens: das Improvisationstalent der Tschechen. Heute einen original belassenen, unverbastelten Tatra zu bekommen, ist beinahe unmöglich. Natürlich gibt es vollrestaurierte Fahrzeuge, die sich tadellos präsentieren, aber die sind dann auch exorbitant teuer. Der Tatra war stets ein Traumwagen für den tschechischen Normalbürger, - den er sich in den wenigsten Fällen leisten konnte. Im Neuzustand wurde er sowieso nicht an Privatleute verkauft, sondern exklusiv nur an Regierungsstellen vergeben. Erst in zweiter oder dritter Hand kam ein Tatra in Privatbesitz und wurde dann mehr schlecht als recht irgendwie am Leben gehalten. Was nicht passt, wird passend gemacht! Diese an sich bewundernswerte Einstellung vieler tschechischer Vorbesitzer beschert einem als potentiellem Käufer eines derart behandelten Exemplars einiges an Aha-Erlebnissen!

Drittens: der Zeitwert. Die Ära der Tatra-Verkäufe für einen feuchten Händedruck sind definitiv vorbei! Kurz nach der Wende wurden die in der Ex-DDR fahrenden Tatra für lächerliche Beträge verscheuert, manchmal sogar in solidem und brauchbarem Zustand verschrottet! Wohl dem, der damals einen ergattern konnte! Die Tschechen sind sich mittlerweile durchaus der Bedeutung eines solchen Frahrzeugs bewusst, sie kennen die Oldtimerszene in Deutschland meist sehr genau und wissen auch über die Preise Bescheid. Dazu kommt, daß beinahe jeder Tscheche offensichtlich ein geborener Verkäufer ist, Preisverhandlungen gestalten sich schwierig und langwierig. Mein Tatra-Exemplar. .ein 603 der dritten und letzten Serie von 1968 habe ich nach äußerst zähen Verhandlungen zwar für einen fairen Preis bekommen, es hat mich aber beinahe ein halbes Jahr Zeit und unzählige Briefe gekostet ! :-)

Dafür habe ich aber einen der wenigen unverbastelten , bisher auch nicht vollrestaurierten Fahrzeuge gefunden, welches noch dazu nicht im obligatorischen schwarz, sondern in beige lackiert ist. Erfreuliche Zugabe bei der Abholung in Jhilava: ein Kofferraum voller Ersatzteile, die die Tatra- Szene mittlerweile in Gold aufwiegt. Seit 4 Jahren funktioniert der Tatra völlig problemlos vor sich hin, ist in meiner Heimatgegend bereits bekannt wie ein bunter Hund und macht mir nach wie vor sehr viel Freude. Nur bei Nässe oder Schnee rühre ich ihn nicht an !! Long may he cruise !! :-)