Daimler 4.0 „Majestic“
Schwarz, britisch, ein bisschen verletzt - und trotzdem durch und durch Majestät.
Nach vielen Jahren Basteln, Polieren und Schrauben fand mein Projekt Tatra 603 ein glückliches Ende. Jetzt waren der Kopf und die Garage frei für neue Aufgaben. Ja, gut - eigentlich wollte ich mir noch Zeit lassen.
Doch da erschallten wie ein Donnerschlag die Worte „Jaguar Majestic Vanden Plas“ durch eBay und erreichten mein geneigtes Ohr. Ein Majestic? Hier in der Nähe? Für kleines Geld? Den muss ich mir anschauen.
Kapitel 1: Der Kauf
Ein sehr netter Oldtimer-Enthusiast und Gebrauchtwagenhändler bot diesen schwarzen XJ40 über eBay an. Da der Standort in der Pfalz leicht erreichbar war, fuhr ich raus zu einer ersten Besichtigung. Zwischen weiteren Schätzchen stand er in einer Halle.
Der erste Eindruck war vielversprechend, aber nicht perfekt. Ein Hecktreffer hatte die Großkatze weidwund geschossen. Die Reparaturversuche waren eher kontraproduktiv. Einige Teile fehlten, etwas Blech war eingedrückt und der Krümmer machte Geräusche.
Rost war natürlich auch zu sehen. Alle vier Schwellerenden sind befallen, und ein wenig wandert die Pest schon Richtung Kotflügel. Aber alle sonstigen neuralgischen Stellen sind gänzlich ohne Befund. Die Technik und besonders die Elektrik sind fehlerfrei - bei einem XJ40 fast schon ein Wunder. Nur unter der Schlauchkupplung im Motorraum sammelt sich ein wenig grüne Flüssigkeit. Das riecht nach Kühlmittel, denn das Kältemittel der Klimaanlage ist ein Gas und hinterlässt keine grünen Pfützen.
Nach diesem Eindruck und dem netten Gespräch war mir klar: Ich will das Projekt angehen. Dank mobiler Technologie setzte ich via Smartphone ein Gebot ab und harrte der Dinge. Auf der Heimfahrt, nach einem Spaziergang mit Einkehr, kam die Bestätigung: Auktion gewonnen! Ganz großes Freuen war angesagt
Kapitel 2: Eine erste Bestandsaufnahme
Na super - jetzt habe ich knapp zwei Tonnen Spielzeug gekauft und keine Zeit. Beruflich muss ich jedes Jahr für einige Wochen nach München. Also mussten die Arbeiten vorerst ruhen. Zumindest als Teilejäger kann ich mich verdingen. Mal sehen, was der Markt so zu bieten hat.
Auf den ersten Blick fehlen:
- beide Rückleuchten - sind besorgt
- die komplette hintere Stoßstange - ist doch vorhanden
- der rechte Endtopf - Ersatz liegt im Regal
- der springende Jaguar auf der Motorhaube - fehlt. Pikant, denn genau der „Leaper“ gehört zur Majestic-Ausstattung.
- alle vier Deckel der Alufelgen - fehlen. Lieber gleich vier neue Felgen.
Glücklicherweise fand ich einen Gebrauchtteilehändler nahe Köln, der mir alle Fehlteile komplett anbieten konnte. War nicht billig, aber alles in ordentlichem Zustand. Der Wagen fand für drei Monate einen Unterschlupf. Im Mai sollte es an die Arbeit gehen.
Majestic oder doch nicht?
Der Brief und die Maße zeigen schnell: Das ist kein verlängerter Majestic. Der Wagen hat den normalen Radstand. Also schauen wir in die Fahrgestellnummer:
SAJDKALD4AK628200
- SAJ - Jaguar Cars Ltd., Coventry
- D - Marke: Daimler
- K - Modell: Daimler bzw. Daimler Double Six
- A - Markt: Großbritannien und Europa
- L - viertürige Limousine mit Standardradstand
- D - Motor: 4.0 Liter
- 4 - Getriebe: Automatik, Linkslenker
- A - Baureihe XJ40
- K - Abgasanlage: Katalysator ohne Tankentlüftungssystem
- 628200 - laufende Seriennummer
- Modelljahr laut Decoder: 1990
Damit ist die Sache klar: Ein Daimler 4.0 für den europäischen Markt, nachträglich mit Majestic-Insignien veredelt. Den Namen Vanden Plas gab es bei uns ohnehin nicht. So hießen die Daimler nur in Nordamerika. Das erklärt auch die Originalfarbe Schwarz.
Was ein echter Majestic ist
Den Namen „Majestic“ trugen beim XJ40 zwei ganz unterschiedliche Autos:
- Vanden Plas Majestic (SWB): eine limitierte Luxusversion mit normalem Radstand für den US-Markt, gebaut zwischen 1989 und 1992. Fast alle in Regency Red, später in Black Cherry. Ein schwarzes Exemplar blieb in Großbritannien - für den Premierminister.
- Majestic (LWB): die echte Langversion von 1993 und 1994. Die Karosse wurde bei Project Aerospace in Coventry von Hand gestreckt und anschließend von Jaguar Special Vehicle Operations fertiggestellt. Gebaut wurden nur 121 Stück.
Erkennungszeichen: Ein echter langer Majestic hat an vierter Stelle der Fahrgestellnummer ein M. Meiner trägt dort ein D. Ehrlich ist er trotzdem: ein Daimler, und das ist schon fein genug.
Mehr Hintergrund gibt es in der XJ40-Übersicht, bei Wikipedia und bei Jag-Lovers.
Kapitel 3: Komm nach Hause, Baby
Gestern war Endspiel. Die WM ist vorbei, jetzt ist es Zeit für das Große Schwarze
Hurraaa, die Katze bezieht ihr neues Revier! Noch ist sie etwas casual im Outfit. Das Hemd hat ein Loch und ist etwas angestaubt. In den nächsten Tagen schaffe ich den Wagen zum Schweißer. Davor ist aber eine penible Durchsicht und Katalogisierung des Ist-Zustands fällig.
Die Probefahrt
Fünf Tage. Das ist die Ansage. So lange sind die Kurzkennzeichen gültig. Am Ende des fünften Tages muss der Wagen beim Schweißer im Hof stehen.
Nach Durchsicht aller technischen Teile erscheint mir der Wagen genügend tauglich, ein paar Kilometer ohne Ausfall zu schaffen. Das ist sogar stark untertrieben. Der Motor macht eher den Eindruck, als ob ich problemlos mal eben nach Südspanien aufbrechen könnte. Aber ein Trip zur Tanke mit anschließend unökonomisch langem Rückweg muss vorerst reichen.
Da der Majestic mein zweiter XJ40 nach dem Sovereign ist, weiß ich, worauf ich achten muss. Mein Fazit: Ich bin begeistert.
- Der Wagen lenkt wie eine Eins, beschleunigt außerordentlich kraftvoll und schaltet butterweich.
- Die Bremse ist knackig und ohne jeden Einfluss auf den Geradeauslauf.
- Vorne rumpelt irgendwo ganz leise ein Fahrwerksgummi, und hinten blubbert der Auspuff ohne Endtopf. Sonst herrscht Stille.
- Bis auf das obligatorische Warnlämpchen für die fehlende Heckleuchte herrscht auch im Cockpit eitle, dunkle Stille.
Das Heck steht etwas tiefer, die Sitze fühlen sich fast neuwertig an. Beides macht deutlich, welchen Luxus der Wagen auch in seinem jetzigen Zustand ausstrahlt. Kleine Randnotiz für Nachahmer: Hängt ein Daimler hinten tief, lohnt ein Blick auf die Niveauregulierung. Müde Federspeicher sind beim XJ40 ein Klassiker.
Es ist mir richtig peinlich, much too casually dressed in kurzen Arbeitshosen die Majestät zu bewegen. Entschuldigend streiche ich über die Dachkante …
Kapitel 4: Die Restauration
Die Liste der Arbeiten war überschaubar:
- Rostschäden beseitigen lassen. Das ist einfach. Mir wurde Herr Thomas empfohlen. Er kümmert sich um alle relevanten Oxidationsschäden.
- Fehlteile organisieren. Schon passiert.
Eigentlich ist nicht viel zu tun. Den Zustand würde ich, vom Heckschaden abgesehen, als gepflegt bezeichnen. Um den Wagen wieder zu einem anerkannten Mitglied des rollenden Straßenverkehrs zu machen, braucht es wenig: etwas Karosseriearbeit und die Fehlteile. Technisch scheint alles fit zu sein. Aber die Katze soll strahlen und ihren alten Glanz wiederbekommen. Putzen, flicken, sauber machen. Das wird mir die nächste Zeit die Tage versüßen.
Doch nicht so einfach
Leider hatte mein Schweißer nur noch mäßige Lust, das Projekt anzugehen. Über zwei Jahre stand die Schönheit bei ihm im Hof und gammelte vor sich hin. Für einen Wagen mit Rost an den Schwellern die denkbar schlechteste Kur.
Irgendwann reichte es mir. Da ich inzwischen Besitzer einer riesigen Garage war, holte ich den Jag kurzerhand nach Hause. Dort schlummerte die Katze unter einer samtweichen Haube und wartete darauf, dass die Baustellen am Haus endlich fertig werden.
Kapitel 5: Abschied
Leider weilt die schwarze Schöne nicht mehr bei mir.
Der Grund steht in der Garage nebenan: Mein „Neuer“, ein XJ8 (X308), lockt leise mit seinem V8, noch mehr Holz und vieeel mehr Eleganz. Und mal ehrlich: Zwei britische Diven sind zu viel. Die eine will Aufmerksamkeit, die andere will Aufmerksamkeit - und beide wollen sie sofort.
Also durfte die Majestät weiterziehen. Ich hoffe, sie hat jemanden gefunden, der ihr endlich das gibt, was sie verdient: ein neues Hemd ohne Loch und eine ordentliche Ausfahrt nach Südspanien.

