Flaggschiff … oder was bekommt man für 7500 €?
Gleich vorweg: Ich habe nicht den vollen Einführungspreis bezahlt. Die SD1 Merrill wird längst nicht mehr gebaut, gebraucht ist sie heute für einen Bruchteil des damaligen Preises zu haben. Es ging aber auch noch teurer: Sigma SD1 Wood Edition
Genau wie ihre Vorgänger SD14 und SD15 ist die SD1 ein RAW-Bildqualitätsmonster. Plastizität und Farben, das ist ihre Spielwiese. Ein riesiges Manko hat sie, wenn es schnell gehen muss. Auch die interne JPG-Erzeugung ist eher oberes Mittelmaß, aber keinesfalls Spitzenklasse. Doch dafür gibt es das hauseigene Konverterprogramm von Sigma.
Wie kann ich den Unterschied einer Merrill zu einer digitalen SLR mit normalem Bayer-Sensor am besten beschreiben? Macht mit beiden Kameras bei identischer Einstellung jeweils ein Bild eines Vogels, zum Beispiel eine Makroaufnahme des Kopfes. Ihr werdet sehen, dass bei der Sigma der Eindruck entsteht, weiter unter das Gefieder schauen zu können. Das Bild wirkt tiefer, fast dreidimensional.
Leider verlangt die SD1, wie alle Sigmas, ein wenig Feingefühl und Erfahrung im Umgang mit der Technik. Der größte Nachteil an den Sigmas ist: Sie sind nicht zum Schnellschuss geeignet. Man merkt den Anspruch an einen ambitionierten Fotografen - dieser wird aber auch erwartet.
Beschreibung der Features
SD14 vs SD1
Äußerlich erkennt man bei beiden Gehäusen den Hang zum Brikett. Wenig Schnörkel, dafür gute Handhabung. Beide Kameras liegen gut in der Hand. Die SD1 ist etwas schwerer, was an ihrem Gehäuse aus Magnesiumlegierung liegt. Beide sind keine Leichtgewichte. Mit einem kleinen Zoom hat man ein sattes Kilo Technik in der Hand.
Das Display ist seit der SD15 etwas größer als bei der SD14 (3,0 statt 2,5 Zoll). Da es aber nur zum Einstellen und groben Anschauen der Bilder gedacht ist, hält sich der Vorteil in Grenzen. Das kleine obere Display der SD14 ist bei der SD1 verschwunden. Das Bajonett ist bei allen SD-Modellen kompatibel.
Beide Kameras haben den typischen Sigma-Staubschutz: ein abnehmbares Glas hinter dem Bajonett, das die Spiegelkammer und den Sensor abschirmt. Die SD1 hat zusätzlich Dichtungen an Tasten und Anschlüssen spendiert bekommen. Die schützen vor Spritzwasser und Staub. Als Speicher benötigt man weiterhin eine CF-Karte vom Typ I oder einen passenden CF-SD-Adapter. Selbst der Akku (BP-21) ist gleich.
Bis hierhin sind die Unterschiede keine 2000 € wert. Kommen wir zu den echten Unterschieden:
| Sigma SD14 | Sigma SD1 | |
|---|---|---|
| Pixel gesamt laut Hersteller (3 Schichten) | 14,1 Megapixel | 46 Megapixel |
| Auflösung pro Schicht | 4,7 Megapixel | 15,4 Megapixel |
| Maximale Bildauflösung | 2.652 x 1.768 | 4.800 x 3.200 |
| Sensorgröße | 20,7 x 13,8 mm | 23,5 x 15,7 mm |
| ISO | 100, 200, 400, 800 | 100, 200, 400, 800, 1600, 3200, 6400 |
| Staubschutz | Staubschutzglas hinter dem Bajonett | Staubschutzglas plus abgedichtetes Gehäuse |
| Belichtungszeit | 30 s bis 1/4000 s | 30 s bis 1/8000 s |
| Autofokus | 5 AF-Messfelder (zentrales Feld: Kreuzsensor) | 11 AF-Felder, Doppelkreuzsensor |
| Spiegelvorauslösung | Ja | Ja |
SD1 vs Merrill
Die SD1 wurde 2011 erstmals in Deutschland verkauft. Der Startpreis lag bei etwas über 7500 €. Schon ein Jahr später wurde die baugleiche Kamera in Sigma SD1 Merrill umbenannt - benannt nach Dick Merrill, dem Entwickler des Sensors - und für rund 2000 € verscherbelt. So gut ich die SD1 auch finde: 7500 € waren ein stark überzogener Preis.
Hier ein Bericht: Preisverfall
Foveon X3
Wie funktioniert dieses Wunderding von Foveon? Was unterscheidet die Sigmas von den Normalos?
Foveon ist ein amerikanisches Unternehmen, das seit 2008 zu Sigma gehört. Sein Produkt, der X3-Sensor, hat für jedes Pixel drei übereinanderliegende Dioden, je eine für die Lichtfarben Blau, Grün und Rot (von oben nach unten). Diese Bauart weicht vom Mosaikmuster des normalen CCD- und CMOS-Sensors ab, bei dem jedes Pixel nur eine Farbe sieht und der Rest aus den Nachbarn errechnet wird. Sie orientiert sich mehr am Aufbau eines analogen Diafilms.
Weil keine Farben hochgerechnet werden, entstehen auch keine Moirés. Sigma verzichtet deshalb auf den sonst üblichen Tiefpassfilter vor dem Sensor - ein Grund für die enorme Schärfe.
Einen schönen Vergleich kann man hier erleben: Sigma Foveon Sensor Review. Wer es etwas poetischer möchte: Die Magie des Foveon-Sensors
Speicherkarten
Die SD1 akzeptiert, wie ihre Vorgänger, nur CF-Karten. Da die Kamera ziemlich langsam auf die Karte speichert, ist die Geschwindigkeit fast egal. Es sollte eine UDMA-Karte vom Typ I sein. Microdrives und CF-Karten vom Typ II lassen sich nicht verwenden.
Die Größe ist dagegen entscheidend. Ein Bild hat 4.800 x 3.200 Pixel mit je drei Farben zu 12 Bit, also 36 Bit pro Pixel. Das sind rund 553 Millionen Bit oder knapp 70 MB unkomprimiert. Die RAW-Dateien der SD1 sind zwar komprimiert und meist 45 bis 60 MB groß. Wenn ich - sagen wir - 100 RAW-Bilder speichern möchte, brauche ich trotzdem mindestens eine 8-GB-Karte.
Es gibt CF-SD-Adapter für ein bis vier SD-Karten. Eine nette Spielerei. Bei manchen Adaptern kann man mehrere SD-Karten zu einem Stripe oder einem Spiegel zusammenschließen. Das erhöht die Geschwindigkeit oder die Datensicherheit. Leider ist die Qualität der kleinen SD-Karten oft mäßig. Die Teile sind anfällig und daher für den Outdoor-Betrieb selten eine gute Wahl.
Wer großen Wert auf Ausfallsicherheit legt und dafür bereit ist, viel Geld auszugeben, kann sich Industrial-Grade-Karten anschauen, etwa von Transcend oder Cactus. Diese Karten sind deutlich robuster als die vergleichbaren Consumer-Produkte.
Mein Tipp: Im Internet bei einem Netzwerkgeräte-Reseller nachfragen, ob er 4-GB- oder 8-GB-Industrial-Grade-Karten aus Routern hat.
Objektive
Die Sigma-Palette ist gut gefüllt. Höchstwertige Glastüten in Abflussrohrgröße für über 20.000 € sind genauso vorhanden wie Festbrennweiten sehr passabler Qualität für unter 200 €. Mehr dazu auf der Seite Objektive.
Auch ältere Objektive stehen ihren moderneren, aber auch teureren Enkeln nicht nach. Für „Spezialanwendungen“ habe ich einen Adapterring von Kiev-Bajonett auf Sigma SA gekauft. Jetzt kann ich alle meine 6×6-Linsen verwenden. Hier empfehle ich besonders das Jupiter-36B 3,5/250. Die SD1 arbeitet dann nur noch mit Zeitautomatik. Blende und Fokus müssen manuell eingestellt werden.
Was die Abkürzungen bedeuten
| Abkürzung | Bedeutung | Kommentar |
|---|---|---|
| A | Art = Sigmas hochwertigste Objektivreihe mit besonders leistungsfähigen und lichtstarken Optiken | Teuer, aber von hervorragender Qualität |
| APO | apochromatische Korrektur = korrigiert Farbfehler für alle drei Grundfarben | Für den Foveon besonders empfehlenswert, weil er Farbsäume gnadenlos zeigt |
| ASP | mit asphärischem Linsenelement zur Korrektur von Abbildungsfehlern | Da selbst die Nicht-ASP-Linsen sehr geringe Abbildungsfehler aufweisen, kann ich darauf verzichten |
| C | Contemporary = günstigere Alltagsobjektive in kompakter Bauweise | Als Einsteiger-Objektiv zu empfehlen, da sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis |
| CONV | mit Telekonvertern kombinierbar | Brauche ich nicht |
| DC | nur für Kameras mit APS-C-Sensor | Der Foveon X3 der SD1 hat APS-C-Format, daher sind diese Objektive uneingeschränkt nutzbar |
| DG | für den Kleinbild-Bildkreis gerechnete Objektive | Für Vollformat-Sensoren. Bringt an der SD1 keine Vorteile |
| DN | ausschließlich für spiegellose Systemkameras im MFT- und APS-C-Format | Nicht für die SD1 geeignet |
| ELD, FLD, SLD, LD | unterschiedliche Spezialgläser mit besonders geringer Farbstreuung | Mit ihnen erreichen Objektive die APO-Korrektur. Sehr empfehlenswert |
| EX | Sigmas Profi-Linie mit besonders hochwertiger Verarbeitung und Oberfläche | Sehr empfehlenswert |
| HSM | Hyper Sonic Motor = Ultraschallmotor für die Fokussierung | Schnell, leise und jederzeit manuell nachfokussierbar. Lohnt sich auch an der SD1 |
| IF | Innenfokussierung | Die Frontlinse dreht sich nicht mit. Wichtig für Polfilter, sonst vernachlässigbar |
| OS | Optical Stabilizer = optischer Bildstabilisator | Ab 200 mm wichtig, ersetzt aber kein Stativ |
| RF | Rear Focusing = Fokussierung mit Hilfe der Hinterlinse | Mit IF vergleichbar |
| S | Sports = Objektive für die Sportfotografie; schneller Autofokus, lange Brennweiten und Bildstabilisierung | Jaja, Sigma und Sport … |
| SML | Super Multi Layer = Vergütung zur Reduktion von Geisterbildern und Reflexionen | Sehr empfehlenswert |
Anleitungen
Kurzanleitung: die wichtigsten Funktionen
FAQ
??? In welchem Format soll ich die Fotos speichern? !!! Verwende wenn möglich RAW. Das garantiert die beste Bildqualität. Zur Weiterverarbeitung nutze SIGMA Photo Pro. Nach der Bearbeitung konvertiere die Bilder in ein 16-Bit-TIFF.
??? Mit welcher Bildqualität soll ich arbeiten? !!! Grundsätzlich immer in HI. Verkleinern, zum Beispiel für eine Onlinepräsentation, kann man später mit Gimp.
??? Welcher Farbraum? !!! Es gibt sRGB und Adobe RGB. Zwar bietet sRGB den kleineren Farbraum, ist dafür aber der übliche Standard, sowohl bei der Wiedergabe über Monitore als auch bei der Vergrößerung. Adobe RGB ist nur zu empfehlen, wenn man die dazu nötigen Wiedergabegeräte nutzen kann.
??? Welche Farbeinstellung verwende ich? !!! VIVID. Hierbei werden die Farben etwas verstärkt, das Bild wirkt lebendiger. Für Motive mit hohem Blauanteil verwende ich den Landschafts-Filter.
??? Funktioniert SPP auch unter Linux? !!! Ja, die Datei für Windows laden und mit Wine installieren.
??? Welche Lichtempfindlichkeit wählen? !!! Der X3-Chip ist ein Licht-Junkie. Wähle am besten einen Wert von 100 bis 400 ISO, aber nicht über 800.
??? Taugt der integrierte Blitz? !!! Nein. Er hat die Leitzahl 11. Das reicht mal eben, um Porträts etwas aufzuhellen. Aber schon weit vor Sonnenuntergang verliert der Blitz an Biss.
??? Welche CF-Karte soll ich kaufen? !!! Schnelle CF-Karten in passender Größe sind im Vergleich zu den kleinen SD-Kärtchen immer noch teuer. Es gibt aber CF-Adapter für ein bis vier SD-Karten. Mit einem Duo-Adapter und zwei SD-Karten kann man ein Stripe erstellen, das die Kapazität verdoppelt und schneller ist als viele CF-Karten. Wer es eher sicher haben möchte, spiegelt die SD-Karten. Das erhöht dann nicht die Kapazität, schützt aber vor dem SD-Karten-Tod. Eine nette Spielerei.
??? Welche Objektive passen zur SD1?
!!! Grundsätzlich reichen die günstigeren DC-Linsen für das APS-C-Format. Die Vollformat-DG-Objektive bieten keinen Vorteil. Auf dem Foveon X3 der SD1 (23,5 x 15,7 mm, also rund 370 mm² statt rund 860 mm² bei Vollformat) tummeln sich pro Schicht „nur“ 15,4 Megapixel. Jedes Pixel darf daher etwas mehr Platz in Anspruch nehmen als bei vergleichbar hoch auflösenden Bayer-Sensoren. Leichte Unschärfen der Linsen werden dadurch etwas besser kompensiert. Trotzdem verlangt die SD1 nach hochwertigem Glas, um ihre Vorteile ausnutzen zu können.
Bei lichtschwachen Teleobjektiven (f/5,6 und dunkler) kommt der Autofokus bei wenig Licht an seine Grenzen - daran ändert auch der Motor nichts. Ein HSM fokussiert aber schneller und leiser und erlaubt jederzeit manuelles Nachstellen.
Wichtig ist mir APO, die Korrektur der chromatischen Aberration durch spezielles Glas. Bei Brennweiten ab 200 mm leistet der Bildstabilisator OS sehr gute Dienste. Er ersetzt aber kein Stativ.
??? Eine gute Auswahl an Objektiven !!! Siehe Tabelle.
| Gut, teuer, groß oder schwer, aber sehr zu empfehlen | |
|---|---|
| Sigma 120-300 mm F2,8 APO EX DG OS HSM | Kompromisslos gut, aber schwer und teuer |
| Sigma 150-500 mm F5,0-6,3 APO DG OS HSM | Sehr gutes Telezoom, aber schwer und sehr groß |
| Sigma 17-50 mm F2,8 EX DC OS HSM | Ein exzellentes Standardzoom |
| Sigma 85 mm F1,4 EX DG HSM | Ein Lichtriese mit hervorragenden Abbildungseigenschaften, aber teuer |
| Sigma 105 mm F2,8 EX DG OS HSM Makro | Wenn man die Makrofotografie schätzt |
| Alternativen | |
| Sigma 80-400 mm F4,5-5,6 EX DG OS | Immer noch hervorragend bei kaum merklichen Abstrichen in der Auflösung. Dafür deutlich günstiger und kleiner |
| Sigma 70-300 mm F4,0-5,6 DG OS | Sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis als „Immerdrauf“-Objektiv. Abstriche bei der Auflösung, dafür angenehm klein und akzeptabel leicht |
| Sigma 50 mm F1,4 EX DG HSM | Lichtriese für die Hälfte vom 85er. Sehr gutes Standardobjektiv |
| Immer noch gut, aber mit Abstrichen | |
| Sigma 18-250 mm F3,5-6,3 DC Macro OS HSM | Der Fast-Alleskönner. Ja, man muss Abstriche bei der absoluten Auflösung in Kauf nehmen. Aber für etwa 350 € ist es ein geniales Urlaubszoom |







